und wenn wir schonmal dabei sind…

Ansprache an Millionäre

Warum wollt ihr so lange warten,
bis sie euren geschminkten Frauen
und euch und den Marmorpuppen im Garten
eins über den Schädel hauen?

Warum wollt ihr euch denn nicht bessern?
Bald werden sie über die Freitreppen drängen
und euch erstechen mit Küchenmessern
und an die Fenster hängen.

Sie werden euch in die Flüsse jagen.
Sinnlos werden dann Schrei und Gebet sein.
Sie werden euch die Köpfe abschlagen.
Dann wird es zu spät sein.

Dann wird sich der Strahl der Springbrunnen röten.
Dann stellen sie euch an die Gartenmauern.
Sie werden kommen und schweigen und töten.
Niemand wird über euch trauern.

Wie lange wollt ihr euch weiter bereichern?
Wie lange wollt ihr aus Gold und Papieren
Rollen und Bündel und Barren speichern?
Ihr werdet alles verlieren.

Ihr seid die Herrn von Maschinen und Ländern.
Ihr habt das Geld und die Macht genommen.
Warum wollt ihr die Welt nicht ändern,
bevor sie kommen?

Ihr sollt ja gar nicht aus Güte handeln!
Ihr seid nicht gut. Und auch sie sinds nicht.
Nicht euch, aber die Welt zu verwandeln,
ist eure Pflicht!

Der Mensch ist schlecht. Er bleibt es künftig.
Ihr sollt euch keine Flügel anheften.
Ihr sollt nicht gut sein, sondern vernünftig.
Wir sprechen von Geschäften.

Ihr helft, wenn ihr halft, nicht etwa nur ihnen.
Man kann sich, auch wenn man gibt, beschenken.
Die Welt verbessern und dran verdienen –
das lohnt, drüber nachzudenken.

Macht Steppen fruchtbar. Befehlt. Legt Gleise.
Organisiert den Umbau der Welt!
Ach, gäbe es nur ein Dutzend Weise
mit sehr viel Geld…

Ihr seid nicht klug. Ihr wollt noch warten.
Uns tut es leid, ihr werdet’s bereuen.
Schickt aus dem Himmel paar Ansichtskarten!
Es wird uns freuen.

Erich Kästner

Eigentlich sollte es sich an dieser Stelle erübrigen, diesen Text weiter zu kommentieren. Ohne die Nennung des Autors müßte ich wahrscheinlich fürchten, in Schäubles Teufels Küche zu kommen. Alles in allem gibt das Gedicht meine Gefühlslage wider. Da staut sich seit Monaten immer mehr an und wenn man glaubt, es kann nicht schlimmer kommen, setzt immer wieder jemand einen oben drauf. Der Steuerskandal, wenn man ihn so nennen kann, erschüttert mein altes Weltbild noch tiefer. Ohne in Verschwörungstheorien abgleiten zu wollen, beschleicht mich das Gefühl, dass das Gros der Verbrecher wieder einmal mit einem blauen Auge davon kommen wird. Es ist ja schon seltsam, dass man den Zumwinkel bequem und vor den Augen der einbestellten Presse kurz vor dem Wochenende abführt. Schon hatten FAZ und FTD Zeit in ausführlichen HowTo’s Tipps und Tricks zur Strafvermeidung kundzutun. Solche in aller Schnelle ausführlich zusammengetragenen Recherchen möchte ich mal über Ladendiebstahl und lächerlich kleine Drogendelikte lesen (hier ist es so, dass die Staatsmacht in aller Härte zuschlägt; das funktioniert auch, weil es hier die Schwächsten trifft, nämlich die, die sich nicht dagegen wehren können).

Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass dieses Land geteilt ist. Nicht in West und Ost, sondern in unten und oben. Unten die zum Konsum verdammte Masse, oben die abgehobene Elite. Offenbar hat man es geschafft, das wunderbare Instrument der parlamentarischen Demokratie in ein willfähriges Instrument der Topeliten zu verwandeln. Die etablierten, oligarchisierten Parteien haben sich dieser Herrschaft längst untergeordnet. Ihnen stehen mächtige Mittel zur Verfügung: Sie haben tief ins System eingebettete Medien, die kaum Widerspruch wagen (bzw. sich wissentlich den Oligarchien andienen, Geld regiert bekanntlich die Welt) . Sie verfügen über modernste Kontroll- und Überwachungsinstrumente. Man braucht heute keine Geheimpolizei mehr, keine IM’s. Man muß den Menschen nichtmal die Meinungs- und Redefreiheit nehmen. Denn alles, was kritisch geäußert wird verpufft irgendwo an Meinungsmonopolen, an immer wieder gleichen, vorgestanzten Argumentationsketten. Das ganze ist bloß der Anschein von Freiheit. Letztlich ist es nur noch die Freiheit zu konsumieren, zu fressen, was einem vorgesetzt wird und ansonsten die Schnauze zu halten. Wer da nicht reinpaßt und den von ihm geforderten Überlebenskampf mit allen Mitteln verweigert, soll durch’s Raster fallen. Da wo er dann landet, hat er vor lauter Sorgen, Pflichten und Angst keine Kraft mehr weiter aufzubegehren.

Die herrschende Ideologie des Marktes und des Wettbewerbs, dem mehr und mehr jedes gesellschaftliche Teilsystem untergeordnet wird, wirkt so durch und durch totalitär. Das ist im Kern, bitte nicht erschrecken, Faschismus. Ich schlage nicht gerne mit einem solchen Begriff um mich, weil er zu oft angewandt auf alles was irgendwie ungerecht ist verharmlost wird. Ich beziehe mich aber gerne darauf wie Franklin D. Roosevelt diesen Begriff definierte: Er warnte, daß die Ereignisse in Europa „uns an zwei einfache Wahrheiten über die Freiheit eines demokratischen Volkes gemahnt haben. Die erste dieser Wahrheiten ist, daß die Freiheit der Demokratie nicht sicher ist, wenn das Volk duldet, daß private Macht so weit um sich greift, bis sie stärker wird als der demokratische Staat selbst. Das ist im Kern der Faschismus – der Besitz der Regierung durch ein Individuum, eine Gruppe oder irgendeine andere kontrollierende private Macht. Die zweite Wahrheit besagt, daß die Freiheit einer Demokratie nicht sicher ist, wenn ihr Unternehmenssystem nicht Beschäftigung, Produktion und Verteilung von Gütern auf eine Art sicherstellt, die einen akzeptablen Lebensstandard aufrechterhält.“

Noch schafft man es, die Menschen unter Kontrolle zu halten. Doch erste brechen, zwar innerhalb der Logik des Systems, aus. Sie nutzen ihr Wahlrecht und wählen die Linkspartei. Man läßt nichts unversucht, um die neue Kraft zu diskreditieren. Man wirft ihr Unerfahrenheit, interne Zerstrittenheit und sogar, oh weh, Kommunismus vor. Deutschland ist das einzige Land der westlichen Welt, in denen die Gespenster des Kalten Krieges so panikerfüllt reanimiert werden.  Aber wie immer täuscht man sich, wenn man glaubt, das Volk für dumm verkaufen zu können, die Menschen belehren zu können, was am besten für sie ist, sie für unmündig zu erklären. Dieses ganze Gebaren zeigt eigentlich wie wenig demokratisch dieses Land entwickelt ist. Nun war es ja einer der größten Erfolge des sogenannten Bürgertums, das gesamte etablierte Parteienspektrum an sich zu binden und der neuen Ideologie der Mitte unterzuordnen. Und da wundert man sich, dass immer mehr Bürgerinnen und Bürger diesen aufoktroyierten Konsens verlassen und wieder Richtung wagen.

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~ von degeisle - Februar 19, 2008.

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