Nachdenkseiten @ Illner

Ein wirklich Politik- und Informationsinteressierter sollte sich tunlichst von den üblichen Talkshowformaten fernhalten. Spätestestens seit Christiansen sind diese Laberrunden Vollversammlungen der deutschen Lobbyverbände und einiger kritischer Feigenblätter. Will und Plasberg haben daran nicht wirklich viel geändert. An Christiansen störte mich, dass immer die selben Vertreter des neoliberalen Mainstreams anwesend waren und ihre „Wahrheiten“ kundtun durften. Unterbrochen wurden die Gäste von der Ex-Tagesthemen-Sprecherin nur selten. Sie durften freiheraus ihre ideologischen Platitüden herunter beten, ohne dass ihnen jemand in die Quere kam. Bei Plasberg herrscht das andere Extrem vor. Manchmal hat man das Gefühl, die Gäste dürften nur mit Ja oder Nein antworten. Holt der Gast doch einmal erklärend aus, weil er sein Argument stützen will, wird ihm sofort dazwischen gegrätscht. Aufklärender ist dieses Format also auch nicht. Ich schaue mir solche Sendungen also inzwischen nicht mehr an. Nur vorgestern wurde auf den Nachdenkseiten angekündigt, dass Albrecht Müller am Donnerstag bei Maybritt Illner (ja, die neue vom DTAG-Obermann). Ich setzte die Sendung also ausnahmsweise auf meinen TV-Plan.

Die Konstellation war zunächst recht vielversprechend. Albrecht Müller, Norbert Blüm und der als Professor getarnte Versicherungsvertreter Raffelhüschen waren angekündigt, andere Gäste standen noch nicht fest. Am Ende hat man im Verband der Versicherungswirtschaft wohl kalte Füße bekommen (oder die für die Sendung verantwortliche Redaktion) und hat Raffelhüschen durch den noch weniger erträglichen Ex-Kanzleramtsminister Bohl ersetzt. Zum Thema Gesundheit war der schrullige aber versierte Professor und MdB Lauterbach, eine junge Dame vom Verband junger Selbstständiger (oder so) und ein Abgeordneter der FDP, dessen Namen man sich nicht merken muss, obwohl er Vorsitzender des Haushaltsausschusses ist. Unterm Strich waren also drei Lobbyvertreter (den FDP Vertreter rechne ich schon automatisch dazu) und zweieinhalb kritische Stimmen vor Ort. Lauterbach hat ja zum Thema Zweiklassengesellschaft ein interessantes Buch geschrieben und tingelt damit seit Monaten durch die Talkrunden Deutschlands. Auch wenn ich nicht jedes Argument und jeden Standpunkt mit ihm teile, meine ich, dass er seine Sache gerecht und ordentlich vertritt.

Norbert Blüm gehört zu den Altmeistern der CDU, die mir, wie auch Heiner Geissler, mit zunehmenden Alter immer mehr gefallen. Wenn er zu Wort kam, hat er seine Argumente gewohnt unkompliziert und populistisch angehaucht unterbringen können. Albrecht Müller, wegen dem ich die Sendung nur angeschaut habe, hat mich hingegen enttäuscht. Er ist ein begnadeter Publizist, der die Fähigkeit besitzt mit spitzer Feder die in der Politik voherrschenden Lügen und Manipulationen aufzudecken. Doch live vor der Kamera fühlt er sich nicht wohl, dort ist er nicht in seinem Element. Als er zu seinem Thema, der gesetzlichen Rente, ausholen wollte, wirkte er schüchtern und nervös. Ihm fehlte der nötige Druck und Schwung in der Stimme, um seine Argumente richtig zünden zu können. Zu seiner Verteidigung ist zu sagen, dass es ihm nicht leicht gemacht wurde. Sein Aufmacher zur Rente war, dass er die „Reformen“ der letzten Jahre als politische Korruption bezeichnete. Sobald das Wort gefallen war, hörte man aus der Runde mehrfach Worte wie „Verschwörungstheorie“ und so weiter. Leider verließ Müller, nachdem er die Katze aus dem Sack gelassen hatte, sogleich der Mut. Er kam nicht damit klar, dass ihm die Lobbyisten auf ätzende Weise dazwischen laberten und ließ sich so aus dem Konzept bringen. Irgendwie kam es mir so vor, als hätte er daraufhin resigniert. Einmal sprang ihm Blüm bei, indem er kurz und knackig das Grundproblem der Riesterrente schilderte. Da merkt man einfach, wer der geborene Volkstribun ist und wer immer aus dem politischen Hintergrund agiert hat.

Ich folgere daraus, dass Albrecht Müller in einem solchen Format nichts zu suchen hat, die Themen, die er setzt aber schon. Das was wir täglich auf den Nachdenkseiten lesen, muss viel mehr Menschen zugänglich gemacht werden. Um das zu erreichen, braucht es also mehr als die Seite selbst. Auch die Auftritte Albrecht Müllers und Wolfgang Liebs im Hörfunk reichen dazu nicht aus, denn die Reichweite dieser Sender ist doch eher als gering einzuschätzen. Die Nachdenkseiten sollten also bereit sein, einen Schritt weiter zu machen. Sie benötigen mehr Medienkompetenz und eine professionellere Außendarstellung. Dazu benötigen sie einen frischen Kopf, der die Außendarstellung im Fernsehn übernehmen kann. Dieser Mensch sollte nicht zu alt und nicht zu jung sein, sollte nicht in den Verdacht geraten zu einer Riege alter Männer zu gehören, die Angst um ihr politisches Erbe hat. Er oder sie sollte ein sicheres Auftreten haben und die Fähigkeit haben auf Fragen knackig und mit guten Argumenten zu antworten. Dieser Mensch sollte voll und ganz hinter dem stehen, was die Nachdenkseiten machen und deren Meinung professionell repräsentieren, er oder sie sollte diesen Job als Berufung sehen und diesen möglichst umsonst und aus voller Überzeugung machen. Das Budget der Nachdenkseiten ist zumindest auf absehbare Zeit auf Ehrenamt ausgelegt und reicht wahrscheinlich gerade, um die Kosten für die Webseite zu decken. Schön wäre natürlich, wenn sich diese Situation mit der Zeit bessert (durch Spenden z.B.).

Es wird immer wichtiger, dass es eine parteipolitisch unabhänge, linke und kritische Bewegung entsteht, um den Friedmanismus in Deutschland zurückzuschlagen. Die Linke reicht dazu nicht aus. Am liebsten wäre mir ja, wenn man die Linke nicht brauchen würde und es stattdessen einen Aufstand in der SPD gäbe. Die Nachdenkseiten könnten der Teil dieser Bewegung sein, der ihr die inhaltlichen Argumente liefert. Albrecht Müller hat immer wieder aus 1984 zitiert, dass eine Lüge, die immer und immer wieder wiederholt wird, irgendwann zur Wahrheit wird. Das funktioniert über die mächtigen organisierten Interessen seit Jahren wunderbar in Deutschland. Die Gehirnwäsche hat tief in die Gesellschaft hineingewirkt. Nun wird es Zeit, dass dafür gesorgt wird, dass die Wahrheit wieder Wahrheit wird. Zu schaffen ist das wohl nur, wenn man hier mit des Feindes eigenen Waffen zurück schlägt. Die Wahrheit muss wieder und wieder wiederholt werden, aus verschiedensten Richtungen und vielen Mündern. Die Lobbyverbände (Arbeitgeber, INSM, Bertelsmann, usw.) haben ihre prominenten Sprachrohre, genauso braucht es diese Bewegung.

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~ von degeisle - April 4, 2008.

Eine Antwort to “Nachdenkseiten @ Illner”

  1. […] die Nachdenkseiten und ein Albrecht Müller in Talkshows reichen nicht aus. Damit hat dieser gut und treffend geschriebene Kommentar völlig recht. Es ist immer wichtig, daß Wahrheit auch durch passende Personen offen ausgedrückt […]

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